Rasseportrait Border Collie


Border Collie im klassischen schwarz-weißen Gewand

Ein Border Collie im klassischen schwarz-weißen Gewand. Hier: Blossom Garden's Carisma of on my own *Quinn*

Ein gellender Pfiff durchreißt den Nebel, der über dem Land liegt. Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg als Hemp durchstartet. Er weiß genau wo sich die Herde befindet und wie viele Tiere es sein müssen. Wie ein schwarz-weißer Blitz eilt er die Hügel hinauf, weicht Bäumen aus, überwindet Hecken, verschwindet aus dem Blick des Schäfers, der sich entspannt an eine Steinmauer lehnt und in Ruhe wartet. Er kann sich darauf verlassen, dass sein Hund weiß, was zu tun ist. Nach einer Weile hört er die vertrauten Geräusche, die eine sich nähernde Schafherde von sich gibt – ihr Trampeln, das mürrisch erscheinende Blöken, mit dem sie ihren Unmut äußern. Dann tauchen die ersten Tiere auf, weiße Wollknäuel die sich vom grauen Nebel abheben, bald kann er die ganze Herde sehen und auch seinen Hemp. Erneut pfeift der Schäfer, Hemp wirft sich rum und treibt die Schafe durch das Gatter, welches der Schäfer offen hält und sorgfältig verriegelt, nachdem Hemp alle Schafe hindurch getrieben hat. Der Border Collie springt mühelos über die Steinmauer. „Good boy.“, lobt dieser ihn und tätschelt den schwarzen Kopf mit der weißen Blesse.

„Start.“ Auf das Kommando hin legt sich Scotts hin, jemand entfernt sein Halsband samt Leine und wirft es weg, entfernt sich dann selber. „Los! Hopp!“ Scotts schießt los, überspringt mühelos die ersten Hürden, lässt seine Besitzerin dabei nicht eine Sekunde lang aus den Augen, folgt ihrer Körpersprache zu den einzelnen Hindernissen, die er so überquert, wie er es in vielen Trainingsstunden gelernt hat. „Hier! Wippwipp!“ Er liebt den Rausch der Geschwindigkeit, und auch das trampelnde Geräusch, wenn er einige Geräte überquert. Er fegt durch einen Tunnel und schnappt ein lobendes Wort auf. Er bremst ab, um sich durch die Stangen zu fädeln und es benötigt keiner antreibenden Worte, um ihn danach in Höchstgeschwindigkeit die letzten Hürden bewältigen zu lassen. Wie immer rast er am Ende zu seiner Besitzerin, die sich mit ihm durch diesen Parcours gekämpft hat und hüpft freudig an ihr hoch. „Good boy!“, lobt sie und krault seine Ohren, während sie ihm das Halsband wieder anlegt.

„Such!“ Auf das Kommando hatte Twiggs gewartet. Sie sprintet los, zieht ihre Hundeführerin hinter sich her, den Waldweg entlang. Eine kaum merkliche Verlangsamung an einer Wegkreuzung, weiter geht es geradeaus. Plötzlich legt Twiggs eine 90° Drehung hin, überspringt eine Brombeerhecke und kontrolliert ihre Spur. Da ist sie, deutlich in ihrer Nase, Twiggs legt wieder los. Ihre Hundeführerin muss sie stoppen, sich so schnell es geht einen Weg durch diese Hecke bahnen, dann gibt sie ihr das Kommando zum weitersuchen. Zielstrebig eilt Twiggs durch den Wald, weicht Bäumen aus, überquert Wege und trifft Entscheidungen. Ihre Hundeführerin vertraut ihr vollkommen, verlässt sich ganz auf Twiggs Sinne. Twiggs legt noch einmal zu, sprintet um eine Kurve, stoppt abrupt ab und fängt an zu bellen. „Hier, wir haben ihn!“, ruft ihre Hundeführerin und schließt zu Twiggs auf. „Good girl!“, lobt sie, lässt plötzlich Twiggs Spielzeug vor ihren Augen auftauchen und spielt mit ihr. Dann zieht sie ihr das Geschirr aus, auf dem das Wort „Mantrailer“ steht, und legt ihr ein Halsband an.

Der Border Collie ist für die meisten Menschen ein schwarz-weißer, langhaariger Hund mittlerer Größe. Durch diverse Fernsehauftritte ist diese Rasse populär geworden, viele kennen den Border Collie Rüden Rico aus der Sendung „Wetten dass??“ wo er 77 verschiedene Spielzeuge auseinanderhalten konnte – nicht erst seit diesem Auftritt ist die Intelligenz des Border Collies legendär. Ein wahrer Boom wurde ausgelöst, immer mehr Border Collies fanden sich in den Händen von Hundesportlern, Rettungshundeführern, Tiertrainerin für Film und Fernsehen und vor allem in den Händen von ganz normalen Hundehaltern, die einen hübsch anzuschauenden, leicht erziehbaren Hund haben wollen, wieder. Doch was genau ist der Border Collie? Ist er der Allrounder, für alles geeignet, leicht erziehbar und zufrieden, wenn er nur dreimal um den Block gehen darf? Oder ist er der Hochleistungssportler, der Spezialist, der nicht für Otto-Normal-Hundehalter geeignet ist?

Wie der Border Collie zum Border Collie wurde

Über Jahrhunderte hinweg wurden Border Collies nur aufgrund eines Merkmals selektiert – auf ihre Hüteleistung hin. Die Schäfer im Grenzgebiet England – Schottland (daher der Namensteil: Border (dtsch: Grenze)) benötigten Arbeitshunde, die ihnen ihre Arbeit an den Schafherden erleichterten. Hunde, die gute Arbeit ablieferten, wurden zur Zucht verwendet, Hunde, die schwer auszubilden waren oder Viehschäden verursachten, wurden ausselektiert, nicht zur Zucht verwendet und auch nicht zur Arbeit herangezogen. Der Border Collie ist nicht nur auf die Hütearbeit an sich selektiert worden, sondern auch auf seine Gebrauchsfähigkeit als Koppelgebrauchshund.

Border Collie Welpe Barney

Ein Border Collie Welpe - hier "A dream with Finnley von der Boeler-Heide"

Durch diese Selektion ausschließlich auf Hüteleistung hin findet sich beim Border Collie auch heute noch eine große phänotypische Spannbreite – es gibt viele Farben, wovon schwarz-weiß die bekannteste ist, gefolgt von Tricolour und Blue-Merle. Die ideale Größe gibt der Standard mit 53 cm für Rüden, für Hündinnen mit „etwas weniger“ an – toleriert werden mehr oder weniger geringe Abweichungen nach oben und unten. Anerkannt sind zwei Haartypen – der kurzhaarige Typ (smooth) und der langhaarige Typ (rough). Der Standard beschreibt das Fell wie folgt: „Bei beiden Varianten sind Deckhaar dicht und von mittlerer Textur. Unterwolle weich und dicht, was dem Border Collie einen wetterfesten Schutz verleiht. Bei der mäßig langen Fellvarietät, bildet das reichlich lange Haarkleid Mähne, Hosen und Fahne. An Gesicht, Ohren und Vorderläufen (ausgenommen Federn) und Hinterläufen vom Sprunggelenk bis zum Boden soll das Haar kurz und glatt sein“. Mittlerweile findet sich vor allem im englischsprachigen Raum häufig die Unterteilung in smooth, medium und rough coated, wobei smooth für kurzhaarige Hunde steht, rough für sehr langhaarige Hunde und medium für Hunde mit mäßig langem und ausgeprägtem Fell. In den letzten Jahrzehnten kam es innerhalb der Border Collie Zucht zu einer Trennung zwischen sogenannten Showlinien und sogenannten Arbeitslinien. Es ist zu beobachten, dass sich innerhalb der Showlinien, die nicht auf Leistung, sondern auf Aussehen selektiert werden, mehr Hunde mit sehr ausgeprägtem Fell befinden als in den Arbeitslinien. Viel wichtiger als das Fell und die Farbe ist der Körperbau. Für die Arbeit an den Schafen braucht der Border Collie einen wendigen, leichten Körper, der ihm die notwendigen Sprints, Drehungen und Bewegungen erlaubt. Im Standard wird dies wie folgt beschrieben: „Die allgemeine Erscheinung soll die eines gut proportionierten Hundes sein, wobei die geschmeidigen Außenlinien Qualität, Anmut und vollkommene Harmonie in Verbindung mit genügend Substanz zeigen, wodurch der Eindruck entsteht, dass der Hund zu ausdauernder Leistung fähig ist. Jegliche Tendenz zu Plumpheit oder Schwäche ist unerwünscht.“ Des Weiteren ist festgehalten, dass der Körper länger als hoch sein soll. Der Standard legt also Wert auf einen athletischen Hund, der die idealen körperlichen Voraussetzungen für die langjährige Arbeit an den Schafen mit sich bringt. Man unterscheidet noch zwischen den „europäischen“ Border Collies und den Neuseeländisch/australischen Linien. Auf die genaue Unterscheidung zwischen den vielen verschiedenen Typen und Linien einzugehen, würde den Rahmen dieser Beschreibung sprengen.

Durch die Selektion auf die Arbeitsleistung wurde gleichzeitig ein Hund geformt, der sehr eng mit seinem Menschen zusammen arbeitet, aber gleichzeitig zu eigenen Entscheidungen fähig ist. Es ist also ein Hund, der auf die minimalsten Anweisungen des Hundeführers reagiert, aber durchaus in der Lage ist, selbstständig zu entscheiden. Die Schäfer benötigten Hunde, die sofort auf ihre Kommandos reagieren, um so die Unversehrtheit der Schafe zu garantieren, und gleichzeitig aus dem gleichen Grund benötigen sie Hunde, die selbstständig entscheiden und reagieren können.

Border Collie: Ein Allrounder im Körper eines Spezialisten?

Durch diese beiden Merkmale – den sportlichen Körperbau und die Arbeitsbereitschaft – eignet sich der Border Collie scheinbar perfekt für die heute so vielseitige Hundewelt, egal in welchem Bereich er ausgebildet wird, schnell mausert er sich zu einem absoluten Vollprofi – sei es nun im Agilityparcours, bei anderen sportlichen Wettkämpfen, als Rettungshund, als Drogensuchhund, als Behindertenbegleithund – die Liste ist unendlich lang. Doch wieso eignet sich der Border Collie für all diese verschiedenen Dinge? Die Antwort ist verhältnismäßig leicht – der Border Collie ist dafür geboren, mit seinem Menschen zusammen zu arbeiten und geht in seinen Beschäftigungen auf. Über Jahrhunderte hinweg für die Arbeit gezüchtet, das hinterlässt Spuren – auch genetische.

Doch eignet sich der Border Collie wirklich für so viele Sparten und Arbeitsmöglichkeiten?

Border Collie Dino beim hüten

Der Border Collie bei seiner ursprünglichen Aufgabe.

Die eine Gruppe antwortet hier mit einem vehementen NEIN! Für sie ist und bleibt der richtige Border Collie ein Hund, der nur und ausschließlich durch die Arbeit an Schafen ausgelastet werden kann und vor allem auf diese Arbeitseigenschaft hin selektiert werden soll. Ablehnend stehen sie den Border Collies gegenüber, die in anderen Sparten geführt werden, unabhängig von den Abstammungspapieren ist für sie die Rassezugehörigkeit an den angeborenen Hüteinstinkt gekoppelt, ein Border Collie, der keinerlei oder nur sehr geringen Hütetrieb mitbringt, ist für sie kein Border Collie.

Die andere Gruppe antwortet auf diese Frage mit einem vehementen JA! Für sie ist der Border Collie ein perfekter Allrounder, für alle Sparten und Ideen offen und geeignet. Für diese Gruppe steht fest, dass der Border Collie die Arbeit an den Schafen nicht vermisst, wenn er sie nie kennenlernt und auch mit allerhand anderer Arbeit ausgelastet werden kann.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte verwurzelt. Dem Spezialisten Border Collie, der über Jahrhunderte hinweg auf eine Aufgabe hin gezüchtet wurde, eben diese Aufgabe vorzuenthalten und sogar abzusprechen, und ihn in einen absoluten Allrounder verwandeln zu wollen, tut ihm keinen Gefallen und kann schon als tierschutzwidriges Verhalten gedeutet werden. Die Zucht der heutigen Border Collies muss sich an der Alltagstauglichkeit der Hunde orientieren, um einen Hund zu erhalten, der sowohl für seine ursprüngliche Arbeit als Koppelgebrauchshund wie auch für das Leben in unserer heutigen, modernen Welt geeignet ist. Nervöse und aggressive Hunde sind laut Standard von der Zucht ausgeschlossen, denn beide Eigenschaften sind in den zwei Welten, in denen sich der Border Collie bewegt, unerwünscht – weder benötigt der Sportler einen Hund, der nicht stressresistent ist noch benötigt der Schäfer einen Hund, der die Schafe verletzt oder in der erzwungenen Winterpause überdreht.

Border Collie Hütegang

Zwei Border Collies im typischen "Schleichgang" - die Augen fest auf die Schafherde gerichtet.

Jeder, der schon einmal das Strahlen in den Augen eines Border Collies gesehen hat, der gerade „Schafe geschubst“ hat, der die Leichtigkeit beobachtet hat, mit der der gut ausgebildete Border Collie die Herde durch ein Gatter getrieben hat, der muss anerkennen, dass dies nicht nur die Erfüllung einer Aufgabe ist sondern die Erfüllung von etwas, das tief im Border Collie veranlagt ist.

Jeder, der einen Border Collie sein Eigen nennen möchte sollte sich selbst vorab die Frage stellen, ob er dazu bereit ist, diesem Hund zu bieten, was er braucht – und dazu gehört nicht nur die qualitativ hochwertige Auslastung sondern auch die Beschäftigung mit Schafen. Nicht jeder Border Collie benötigt den täglichen Umgang mit Schafen (dazu gehört natürlich nicht nur das Hüten, sondern auch die restliche Arbeit des Schäfers auf dem Hof), aber es gibt sie, die eben dieses Leben brauchen um glücklich und vor allen Dingen ausgeglichen zu sein.

 

Border Collie Buch- und Linktipps (eine Auswahl in alphabetischer Folge):

www.abcd.de Website der Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland, die sich in Deutschland um die arbeitenden Border Collies kümmert (ausschließlich Arbeitslinie), der ISDS angeschlossen

www.border-wiki.de

www.cfbrh.de Club für Britische Hütehunde, der angeschlossen an den VDH der papierausstellende Verein Deutschlands ist (Showlinie und Arbeitslinie)

Border Collie Bücher

Gerber-Mattli, Daniela: Der Border Collie. 2002 : Müller-Rüschlikon. Cham. ISBN: 9783275014226

Franck, Rolf C. : Border Collie. 2007: Cadmos Verlag: Brunsbeck. ISBN: 978 386127753 8

Krüger, Anne: Faszination Border Collie: Die Ausbildung der Arbeitshunde am Vieh. 2008: Kynos-Verlag: Nerdlen/Daun. ISBN: 978-3938071632

Meermann, Silke und Hermes, Anita: Border Collies. Hunde an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. 2006 : Cadmos Verlag: Brunsbeck. ISBN: 9783861277903

Price, Carol: Understanding the Border Collie. The essential guide to owning Border Collies and Collie-Crosses as pets. Revised and extended 3rd Edition. 2004 : Broadcast Books: Bristol. ISBN: 9781874092865

Sykes, Barbara: Understanding Border Collies. 1999: The Crowood Press Ltd.: Wiltshire. ISBN: 978-1861262806

Autorin: Natascha

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>